Ab in dein Zimmer!

 

Umgang mit der inneren Kritiker*in 

 

Mein innerer Kritiker ist eine Frau. Sie ist streng und unerbittlich, steif wie ein Brett, unflexibel und altmodisch. Manchmal nenne ich sie „Fräulein Rottenmeier“.

Fräulein Rottenmeier ist nicht zufriedenzustellen. Jedenfalls ICH kann es nicht. Vielleicht wäre sie in und mit einem anderen Menschen zufriedener. Bei mir hat sie an allem etwas auszusetzen. Es ist ihr zu Hause nie sauber genug, meine Arbeit findet sie lächerlich, sie kommentiert meine Sätze, meine Texte, meine Kleidung, mein Benehmen – einfach alles.

Fräulein Rottenmeier sagt, das sei nur zu meinem Besten. Bullshit.

Mein Psychologinnen-Wissen sagt mir: Der innere Kritiker ist eine Instanz, die in jedem Kind entsteht, fast immer von Sätzen der eignen Eltern gespeist. Er soll einen davor bewahren, zu große Fehler zu machen:

Sich zu Tode zu saufen, alle Jobs der Welt zu kündigen, um fortan in Fußgängerzonen schlecht Flöte zu spielen oder sonst irgendeinen Unsinn, den man so im Kopf hat, wenn man sich der Volljährigkeit nähert.

 

Aber leider ist der innere Kritiker nicht nur vernünftig. Er ist auch ein Schisser.

Er will, dass wir in unserer Komfortzone bleiben, denn da hat er uns unter Kontrolle. Um dieses Ziel zu erreichen, sind ihm alle Mittel recht. Du überlegst, ob du ein Buch schreiben willst. Der innere Kritiker sagt: „Du, ein Buch schreiben? Was war denn mit deinen Schulaufsätzen? Kaum mal einer mit einer Note besser als 3! Wie soll man denn mit so wenig Talent ein Buch schreiben?“ –

Klar, der innere Kritiker will dich davor bewahren zu scheitern. Aber: Wer ihm zu genau zuhört, die scheitert zwar nicht mehr Alles auf Nummer sicher), aber sie erlebt auch nichts mehr Neues.

Ich habe jetzt meine Taktik geändert.

 

Ich sage zu meiner inneren Kritikerin: „Danke liebes Fräulein Rottenmeier, dass du mich davor bewahrst, vor die Hunde zu gehen. Ich weiß, dass ich es dir zu verdanken habe, dass ich nicht unter der Brücke schlafen muss, meine Ehe und meine Kinder wohlgeraten sind und ich mich einigermaßen anständig ernähre“.

 

Ich habe ein Zimmer für sie eingerichtet.

 

Bevor sie schon wieder den Mund aufmachen kann, um etwas zu antworten, nehme ich sie bei den Schultern und führe sie den Gang entlang bis ganz nach hinten rechts. Es ist ein seeehr langer Gang.

 

Dort am Ende des Ganges befindet sich ein Zimmer. Ich habe es extra eingerichtet für Fräulein Rottenmeier.

 

In dem Zimmer gibt es weiche Kissen, eine schöne Aussicht vor dem Fenster, ein gemütlicher Lehnstuhl, interessante Bücher, ihre Lieblingsmusik. Ich habe an alles gedacht, damit sie sich wohlfühlen kann.

 

Ich sage zu ihr: „Fräulein Rottenmeier, manchmal musst du hierher kommen und dich ausruhen. Und ich muss mich von dir ausruhen.“

 

Was macht sie? Ignoriert mich und dreht sich im Kreis, schaut sich um. Dann hebt sie eine Ecke des Teppichs an und seufzt „Hier müsste auch mal wieder feucht gewischt werden“. Dann setzt sie sich in den Lehnstuhl.

 

Ich mache die Türe leise von außen zu. Mit etwas Glück habe ich jetzt einige Stunden Ruhe vor ihr.

 

Alles Liebe

Deine Stefanie

1 Gedanke zu „Ab in dein Zimmer!“

  1. Liebe Stefanie,
    eine interessante und bildhafte Beschreibung des „inneren Kritiker“.

    Ich kenne ihn – oder sie – nur zu gut. Ich werde mir überlegen, welches Bild ich meinem inneren Kritiker zuordnen möchte. Spannend.

    Bitte schreibe weiter – es macht Freude, Deine Beiträge zu lesen. Vielen Dank.

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